Stromabnehmer
Stromabnehmer sind unverzichtbare Bauteile elektrisch betriebener Straßenbahnen. Sie dienen dazu, den Fahrstrom aus der Oberleitung aufzunehmen und an die Antriebstechnik im Fahrzeug weiterzuleiten. Dabei müssen sie auch bei wechselnden Fahrdrahtlagen, Kurvenfahrten und unterschiedlichen Geschwindigkeiten zuverlässig arbeiten.
Der grundlegende Aufbau eines Stromabnehmers besteht in der Regel aus einer beweglichen Konstruktion aus Metall, die in der Regel über Federn gegen die Oberleitung gedrückt wird. An der Kontaktstelle befindet sich eine sogenannte Schleifleiste, meist aus Kohlenstoff oder einem Metall-Kohle-Gemisch, über die der Strom fließt. Die gesamte Konstruktion ist über Isolatoren elektrisch vom Fahrzeug getrennt montiert.
Im Laufe der Zeit wurden verschiedene Bauarten entwickelt – von den frühen Rollenstromabnehmern über Lyra- und Scherenstromabnehmer bis hin zu modernen Einholm-Stromabnehmern. Jede Variante spiegelt die technischen Möglichkeiten und betrieblichen Anforderungen ihrer Zeit wider. Manche Formen wurden über Jahrzehnte hinweg genutzt, angepasst oder durch leistungsfähigere Typen ersetzt. In Halle (Saale) lässt sich diese Entwicklung besonders gut nachvollziehen – von den Anfängen bis hin zu heutigen Stromabnehmern der neuesten Generation. Die Vielfalt der Bauformen bietet spannende Einblicke in die Technikgeschichte des öffentlichen Nahverkehrs.
Rollenstromabnehmer
Obwohl dieses System in der Anwendung aufwendiger ist als das bis heute gebräuchliche Prinzip mit Schleifkohlen (exakte Fahrdrahtlage in Kurven notwendig, Schwierigkeiten bei Weichen und Kreuzungen usw.), fand es dennoch über 25 Jahre lang Anwendung.
Lyra-Stromabnehmer
Die in Halle erstmals ab 1919 eingeführte Bauform „Lyra“ kam nur für kurze Zeit zum Einsatz. Ein Nachbau befindet sich heute auf dem historischen Triebwagen 4.
Scherenstromabnehmer
Schon 1912 verkehrten bei der Merseburger Überlandbahn (MÜBAG) Triebwagen mit einem Scherenstromabnehmer. Einer davon ist heute auf dem historischen Triebwagen 78 in der Fahrzeugsammlung der Halleschen Straßenbahnfreunde e.V. erhalten.
In den 1930er/40er Jahren entstanden viele Varianten von Scherenstromabnehmer. Mit den großen vierachsigen Lindner-Triebwagen der MÜBAG tauchte 1941 die Bauart „Ambeg“ als Variante auf.
SSW-Stromabnehmer
Bereits 1925 wurden die ersten Kirchenfensterwagen und Lindner-Wagen mit Scherenstromabnehmern der Siemens-Schuckert-Werke (SSW) ausgeliefert.
ESS48-Stromabnehmer
1951 wurden die ersten Lowa-Triebwagen an die Verkehrsbetriebe geliefert. Damit hielt der Einheitsscherenstromabnehmer (ESS48) serienmäßig in Halle Einzug. Die bereits 1929 auf dem Hechtwagen in Dresden eingesetzte Bauart „Sachsenwerk Niedersedlitz“ wurde durch die LEW Hennigsdorf weiterentwickelt und von 1951 bis 1975 für alle Verkehrsbetriebe der DDR produziert.
Charakteristisch für den ESS48 waren Ober- und Unterscheren aus nahtlos gezogenen Rohren, wobei die Unterschere verstärkt und nach oben hin verjüngt war. Die Oberschere trug eine Pendelwippe mit geschwungenen Ablaufenden, die eine gleichmäßige Anpresskraft und Anpassung an die Fahrdrahthöhe ermöglichte. Zwei kleinere Spiralfedern hielten die Pendelwippe in senkrechter Lage. Anfangs wurden in Halle fast ausschließlich sogenannte Dreikantkohlen verwendet – Schleifkohlen mit drei Laufflächen, die je nach Verschleiß gedreht werden konnten.
In den 1960er-Jahren wurden auf einigen wenigen Wagen der Bauart Gotha erstmals gewölbte Schleifkohlen verwendet. Da diese sich nicht selbstständig parallel zum Fahrdraht ausrichten konnten, war eine kleine Ausgleichsstange zur Stabilisierung bei Bewegung der Pendelwippe erforderlich.
Mit Serienlieferung der Tatrafahrzeuge fand der ESS auch auf diesen Wagen eine weite Verbreitung. Vereinzelt wurden dabei aus Stabilitätsgründen zusätzliche Querstangen an der Oberschere angebracht.
Aufgrund der zahlreichen Industriebetriebe im Stadtgebiet wurde die Fahrdrahtlage in Halle etwas höher gewählt. Deshalb mussten auf den T4D erhöhte Isolatoren unter den Stromabnehmern verbaut werden.
ESS48 Variante Halle
Als LEW Hennigsdorf die Produktionseinstellung der ESS-Stromabnehmer für das Jahr 1975 ankündigte, mussten viele Betriebe in der ehemaligen DDR nach Lösungen suchen, um den Wegfall der Stromabnehmer Produktion auszugleichen. Die verantwortlichen Mitarbeiter der Verkehrsbetriebe Halle entwarfen für den ESS48 eine veränderte Wippe um älteren Dreikantkohlen durch die gewölbte Kohle zu ersetzen. Dies ging auch mit einer optischen Veränderung des ESS einher. Die geschwungenen Ablaufenden wurden durch längere, eckige Ablaufenden ersetzt. In den Werkstätten wurde die Pendelwippe dabei aus Stabilitätsgründen höhenmäßig eingekürzt. Diese Variante gab es in dieser Form ausschließlich bei den Verkehrsbetrieben in Halle. Sie setzte sich nach und nach bis Ende der 80er Jahre bei nahezu allen Wagen mit dem ESS (ET 50/54, ET 57, ET 62 und T4D) in Halle durch. Die ursprüngliche Variante, mit geschwungenen Ablaufenden, trat erst wieder mit Erweiterung der historischen Fahrzeugflotte ab 1991 auf.
ESS48 Variante Leipzig
Auch die Leipziger Verkehrsbetriebe suchten nach einer Lösung um die Produktionseinstellung der ESS auszugleichen. Die Leipziger entwickelten eine eigene Variante des ESS48 mit einer komplett veränderten Oberschere, hoher Wippe und Dreikantkohle. Diese Stromabnehmer Variante war in Leipzig überwiegend auf den G4 verbaut, aber auch mindestens ein T4D war damit ausgestattet. Zu Testzwecken kam Ende der 1970er Jahre ein Exemplar als Muster nach Halle und war zeitweise auf dem T4D 984 und dem Gothatriebwagen 749 verbaut. Die spezielle Bauform der Oberschere konnte in Halle jedoch nicht überzeugen, sodass weitere Nachbauten unterblieben.
Vmtl. Anfang der 1980er Jahre erhielt der historische Triebwagen 2 den Sonderling unter den Scherenstromabnehmern und blieb daher der Nachwelt erhalten. In Leipzig dagegen ist kein Exemplar mehr vorhanden.
ČKD-Stromabnehmer (tschechische Bauart)
Durch die Vielzahl an bestellter Tatrawagen traf die Einstellung der Stromabnehmerproduktion in der DDR die Verkehrsbetriebe recht hart, vor allem wenn man bedenkt, dass die T4D vom Hersteller ohne Stromabnehmer ausgeliefert wurden. Ein weiterer Lösungsansatz war es daher, bei ČKD Stromabnehmer zu beschaffen. Vmtl. 1972 erhielten die Verkehrsbetriebe Halle testweise zwei Scherenstromabnehmer aus ČKD-Produktion, wie sie in der ČSSR auf dem T3 üblich waren. Sie zeichneten sich durch ihre zwei Rahmenfedern aus und waren breiter. Der ESS hingegen besitzt nur eine mittig positionierte Feder im Rahmen. Die Triebwagen 923 und 924 (heutiger Museumtriebwagen 901 II) waren für den Test auserwählt. Lange dauerte der Probeeinsatz nicht an, da beide Exemplare im Einsatz einen Totalschaden erlitten.
ČKD-Stromabnehmer mit Einfachschleifleiste
Nachdem der erste Versuch nicht von Erfolg gekrönt war, kam ab 1977 eine überarbeitete Version des ČKD Stromabnehmers zum Einsatz. Die Grundkonstruktion war identisch, auch die Einfachschleifleiste blieb erhalten. Die Schleifleiste wurde ebenfalls mit einer mittig positionierten Anlenkung in Position gehalten. Im Gegensatz zur Testverion vom T3 entsprachen die Schleifleiste und die Ablaufenden der Ausführung der ESS48-Halle-Version.
ČKD-Stromabnehmer mit Doppelschleifleiste
Einige Jahre später kam noch eine weitere Variante des ČKD-Stromabnehmers auf und ersetzte die erste Version. Dabei wurde die Einfachschleifleiste durch eine Doppelschleifleiste ersetzt. Die Wippe wurde durch zwei Federn im oberen Bereich der Oberschere in Position gehalten. Als Schleifkohlen und Ablaufenden fanden wieder die Bauteile des ESS48-Halle Verwendung.
Die Tatrawagen der Serie von 1982 wurden alle mit einem solchen Stromabnehmer geliefert. Da der Einholmstromabnehmer auf dem T4D zu dem Zeitpunkt schon weit verbreitet war, hoben sich diese Fahrzeuge von denen der übrigen Serienlieferungen ab. Mit dem Umbau des Tw 1050 zum Schienenschleifwagen ging 1996 der letzte Vertreter tschechischer Produktion in Halle verloren. Durch die freundliche Unterstützung der Leipziger Verkehrsbetriebe und der Leipziger Straßenbahnfreunde war es im Jahre 2002 jedoch möglich, einen solchen Stromabnehmer wieder nach Halle zu bringen und aufzuarbeiten. Im Juni 2009 erhielt der historische T4D 931 diesen Stromabnehmer. Insgesamt gab es von den ČKD-Stromabnehmern deutlich weniger Exemplare als ESS.
ČKD-Stromabnehmer mit Doppelschleifleiste (Version T6A2)
Neben den beiden Serienausführungen erhielt Halle - vmtl. testweise - eine weitere Variante des ČKD-Stromabnehmers. Dabei handelt es sich um die Version die beim T5C5 (Budapest) und später auch beim T6A2 verwendet wurde. Vom Aufbau entspricht der Stromabnehmer der vorherigen Version mit Doppelschleifleiste. Unterschied waren u.a. die fehlenden Federn an der Oberschere um die Schleifleisten in Position zu halten. Dies geschah stattdessen über federnd gelagerte Schleifleisten. Ein weiterer Unterschied war, dass nicht jede Schleifleiste ein einzelnes Ablaufende besaß sondern beide miteinander verbunden waren. Nicht ganz klar ist, ob es sich bei dem Stromabnehmer in Halle um ein Einzelstück handelte oder mehrere davon vorhanden waren. Bildlich belegbar sind in verschiendenen Zeiträumen der Einsatz auf den T4D 974, 1007 und 1176.
Stemmann Fb95
Ab 1990 kam mit den GT4-Fahrzeugen aus Stuttgart und Freiburg eine weitere Version des Scherenstromabnehmers nach Halle. Dieser Stromabnehmer mit zwei Schleifleisten war bis dahin eng an die Stuttgarter und Freiburger Wagen gebunden. In dieser Form gab es sie deutschlandweit fast nur dort. In der Ursprungsversion hatte der Stromabnehmer ebenfalls geschwungene Ablaufenden und eine Pendelwippe. Da die hohe Wippe nicht für den Tunnelbetrieb geeignet war, mussten die Stromabnehmer entsprechend angepasst werden. Es gibt zwei verschiedene Varianten der Fb95 Stromabnehmer. Bei der ersten Variante war das Rohr der Unterschere abgestuft bei der zweiten Variante handelt es sich um ein konisches Rohr.
1992 wurde im Rahmen einer Hauptuntersuchung bei etwa 10 halleschen T4D diese Stromabnehmerbauart montiert. Im gleichen Jahr erhielten auch einige Arbeitswagen die Stemmann Scherenstromabnehmer. Ab 1998 wurde im Rahmen der Hauptuntersuchungen noch einmal etwa ein Dutzend Tatrawagen mit den GT4-Scherenstromabnehmern ausgerüstet. Die 38 GT4 behielten in Halle auch nach der Modernisierung in Mittenwalde (1992-95) ihren charakteristischen Stromabnehmer.
Einholmstromabnehmer
DDR Einholm-Stromabnehmer
Im Jahr 1977 spielte Halle bei der Entwicklung einer neuen Stromabnehmerbauform in der ehemaligen DDR eine wichtige Rolle. Der damalige Chefkonstrukteur der Verkehrsbetriebe Halle entwickelte einen Einholmstromabnehmer. Die ersten Konstruktionen wurden zwar schon in den 50er Jahren für Lokomotiven entwickelt, aber die Weiterentwicklung wurde nötig, da die LEW Hennigsdorf ihre Produktion des Einheitsscherenstromabnehmers einstellten. Auf den T4D 946 und 982 wurden Prototypen getestet und durch die staatliche Bahnaufsicht abgenommen.
Dieser Einholmstromabnehmer wies zwei Schleifleisten auf und konnte, wie bei den Scherenstromabnehmern auch, per Seilzug von der Fahrerkabine aus abgezogen werden. Nach kleinen baulichen Veränderungen begann die Serienproduktion. Die ersten 50 Exemplare entstanden noch in der eigenen Hauptwerkstatt. Da die VE Verkehrsbetriebe Halle nicht die komplette DDR-Serienproduktion des Stromabnehmers leisten konnte, wurde die Produktion aufgeteilt. Die Serienfertigung übernahm ab 1980 die Lehrwerkstatt des Kombinats der Berliner Verkehrsbetriebe unter der Verwendung von Komponenten die in Halle, Leipzig und Magdeburg produziert wurden. Zum Einsatz kamen die Einholmstromabnehmer bei vielen DDR-Verkehrsbetrieben wie z.B. in Berlin, Magdeburg, Potsdam und Zwickau.
Im Gegensatz zu anderen Betrieben kamen die Einholmstromabnehmer in Halle ausschließlich auf T4D zum Einsatz (mit Ausnahme der Fahrleitungsrevisionswagen 011 und 013) und verdrängte zunehmend die Scherenstromabnehmer auf den T4D. Besonders die Tatrawagen verkehrten in Halle mit recht vielen Stromabnehmer-Varianten. Seit Mitte der 1980er Jahre prägte der Einholm-Stromabnehmer aber das typische Bild der T4D in Halle.
Im Zuge der Materialvereinheitlichung veränderte sich beim Einholmstromabnehmer das Aussehen ab 1992 geringfügig. Der Abstand der Schleifleisten wurde breiter, es wurden keine gewölbten Schleifkohlen mehr verwendet, und die Ablaufenden bzw. die Wippe denen der GT4-Stromabnehmer angepasst.
Ein Teil der beim Mittenwalder Gerätebau modernisierten Tatrazüge (Umbau von T4D zu T4D-C) erhielten noch Einholmstromabnehmer mit Seilzug.
SBE89
Wahrscheinlich zur Erprobung wurden 1993/94 die beiden T4D 1103 und 1113 mit Schunk-Stromabnehmern der Bauart SBE89 ausgerüstet. Einer der beiden Stromabnehmer kam ab 1998 auf den T4D 1087. Im Jahr 2003 fand der Wagen im rumänischen Arad eine neue Heimat und auch der Stromabnehmer blieb dem Wagen dort erhalten. Serienmäßig erhielten zahlreiche KT4D in Potsdam ab 1992 diesen Stromabnehmertyp.
Stemmann Fb80
Ab 1993 wurden bei der Modernisierung der Tatrawagen elektrisch angetriebene Stromabnehmer der Firma Stemmann vom Typ Fb80 installiert. Bei den ab 1999 durchgeführten Hauptuntersuchungen an den Chopper-Fahrzeugen wurde bis auf sechs Triebwagen, an allen 1991/92 modernisierten Triebwagen ein Stemmann-Stromabnehmer vom Typ Fb80 nachgerüstet.
Die ersten beiden halleschen Niederflurtriebwagen vom Typ MGT6D besaßen von Anfang an elektrisch angetriebene Einholmstromabnehmer vom Typ Fb80, wie sie in vielen anderen deutschen Städten auch vorkommen. In den ersten Betriebsjahren waren die MGT6D 500 und 501 noch mit zwei Stromabnehmern ausgestattet. Mit der Umstellung der Weichensteuerung genügte ab 1996 jeweils ein Stromabnehmer pro Niederflurtriebwagen.
Stemmann Fb500
Mit der Serienlieferung der MGT6D ab 1996 hielt auch ein neuer Stromabnehmertyp in Halle Einzug. Es handelt sich dabei um den Typ Fb500, der ebenfalls Deutschlandweit bei verschiedenen Fahrzeugtypen Verwendung fand. Mit der Bauform war nur die erste Lieferserie (MGT6D 601-612) - mit Ausnahme des Triebwagen 611 - ausgestattet. Durch betrieblichen Tausch erhielten aber auch MGT6D anderer Lieferserien diesen Stromabnehmertyp. Als letzter Wagen trug der MGT6D 627 noch bis in den Herbst 2014 einen Fb500-Stromabnehmer.
Stemmann Fb700
Als erster MGT6D wurde der Triebwagen 611 im November 1996 mit der nächsten Stromabnehmer-Generation vom Typ Fb700 ausgeliefert. Ab dem Triebwagen 613 erhielten alle nachfolgend ausgelieferten MGT6D serienmäßig einen Fb700 Stromabnehmer. Auch die ab dem Jahr 2004 beschafften MGT-K wurden mit diesem Stromabnehmertyp ausgeliefert.
SBE920
Mit Auslieferung der Stadler Niederflurwagen vom Typ TINA kommt ein weiterer Einholmstromabnehmertyp bei der HAVAG hinzu. Während seit 1992 bei neubeschafften Straßenbahnen ausschließlich Stromabnehmer der Firma Stemmann verbaut waren, kommt bei der TINA-Flotte erstmals der Hersteller Schunk zum Zuge. Es handelt sich dabei um den Typ SBE920.